Ich komme aus dem Schwabenland. Wir sind ordentlich, pünktlich, sparsam und sauber. Sagt man. Kann sich jemand vorstellen, was für eine Überwindung es für mich ist bei den ungewaschenen Punkern in Friedrichshain zu wohnen. In der Samariter Strasse mit Prada Schuhen über ein Meer von Hundekacke zu hüpfen.
Trotzdem. Unerklärlich, aber Samstags werde ich selber zu einer Punkerin und wasche mich nicht. Punktag. Zumindest mein Punkvormittag. Samstags wasche ich mich erst gegen Nachmittag. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um sparsame Schwaben, Brötchen kaufen gehen und mit Büchern zurückkommen. Eigentlich wollte ich ja nur Tulpen kaufen. Weil meine alten schon so morbid, depressiv und sehr traurig aussahen. Langsam überträgt es sich schon auf meine Stimmung. Im grunde drücke ich mich vor dem English lernen. Montag Business Englisch Klasur. Ich, seit jahren ein Englisch versager. Fragte meinen Dozenten, wenn er nicht schwul ist, ob dann mein männermordendes Kleid mir helfen würde. Er lachte und sagte, ich soll jede Chance nützen. Wir haben auch Italienisch Klasur. Warum habe ich dovor keine Angst. Hmmm…
Gut…Ich gehe ungeduscht los und kaufe Brötchen und Coffee to go und frühstücke Richtung Tulpenladen. Gehe vorher zum Schlecker (Schlecker ist der Lieblingsladen von Schwäbischen Mädchen, da gibt es Putzmittel) und kaufe…???…na…??? Putzmittel…Halte ein Schwätzchen (Bedeutet auf Schwäbisch: Gepflegte Unterhaltung. ) mit der Kassiererin, über Putzmittel.
Auf dem Rückweg komme ich an einer Buchhandlung vorbei. Da werde ich immer schwach. Bin absolut immun gegen Süchte. Aber Bücher…Ich kann nicht vorbei…Ich sehe draussen ein Buch von Marion Gräfin Dönhoff (Die frühere „Die Zeit“ Herausgeberin). Bücher über Wirtschaft und Demokratie, Menschen und Bürgersinn für 1.€ . Gutes Angebot. Nicht zu glauben. Ich schwöre mir, nur die zu kaufen und gehe rein zum bezahlen. Ich denke, wenn ich schon da bin, kann ich ja eine Runde drehen. Ich schwöre wieder und verspreche mir, nur zu schauen und nicht zu kaufen und drehe meine Runde. Sehe ein Buch „Endlich stressfrei. Powerübungen für starke Nerven mit Sport und Tanz zu bessere Belastbarkeit mit bewusster Entspannung neue Kräfte tanken“. Ich fühle mich selten gestresst, naja Tanzen beschränkt sich auf paarmal zum Ballett anmelden und nicht hingehen, Tanzstunde mit pickeligen, sabbernden Jungs kam nicht in Frage und starke Nerven habe ich mit der Muttermilch bekommen. Warum zum Luzifer kaufe ich dieses Buch trotzdem? Ein Zeichen von Sucht? Dann sehe ich „innovation, from experimentation to realisation“. Tut mir leid, das muss ich haben. Ich schwöre erneut, dass ich mein Schwur nicht mehr breche. Gehe weiter, nur um zur Kasse zu kommen. „Night Visions, the secret designs of moths“…..Ich kann an nichts vorbei, dass sich Vision nennt. Ich hatte meine frühere Firma unbekannte vision genannt. Zweitens steht da auch Design drauf. Die Begriffe Vision und Design auf einem Cover, das muss ich wissen. Bin mir aber ziemlich sicher, dass ich kein Buch über Motten kaufen werde. Ich schwöre und verspreche mir das sicherheitshalber. Ich schlage das Buch auf, o Gott…mein Herz schlägt höher. Was für unglaublich schöne Farben. Was für unglaublich schöne Farbkombinationen. Jetzt verstehe ich warum die Motten mehrmals jährlich versuchen, sich auf meine Kla-motten zu stürzen. Die haben keinen Hunger, die inspirieren sich. Ich vergebe ihnen hiermit. Ich vergebe ihnen und fühle mich dabei gut. Denn nur Götter und Könige dürfen vergeben. Ich fühle mich wie eine Königin. Must have…..das Buch.
So…das ist jetzt aber wirklich das letzte Buch das ich mitnehme. Geschworen und versprochen.
Ausserdem denke ich darüber nach, mal eine Kollektion mit nur Mottenfarben zu machen. Ich laufe richtung Kasse, habe es fast erreicht…oh neee…schon wieder ein Buch auf dem „Das Neue, Wie kommt das Neue auf die Welt? “ steht. Neu ist auch so ein Zauberwort. Ich bin Wassermann. Ich liebe das Wort „Neu“…Ich wollte als Kind schon von Ausserirdischen entführt werden, damit ich als erstes Kind den All sehe. Für ein neues Erlebnis wollte ich als Kind schon Eltern und Land verraten. Meine einzige Angst war, dass die Ausserirdischen, vorher meine Mutter fragen würden, ob sie mich mitnehmen dürfen. Ich hatte schon den Plan, den Ausserirdischen zu erzählen, ich hätte keine Eltern. Tagelang wartete ich auf der Treppe, oder im Garten unter der Trauerweide auf sie. Ja warten..In meinem Leben habe ich viel gewartet. Darin war ich geübt. Na gut…
Ich drehe das Buch mit dem Titel neu blabla um und lese was hinten auf dem Cover steht. Vielleicht finde ich ja einen Satz, der mich davon abhält es zu kaufen. Erster Satz: :“Wie können Organisationen ihre Querdenker ermutigen, Visionen in die Wirklichkeit umzusetzen?“ Verdammt nochmal, da ist wieder das Magnetwort. „Visionen“. Verdammt nochmal, meine Schwäbischen Spargene versagen. Guuuut, nur noch das und kein weiteres Buch mehr. Ich schwöre und verspreche nicht mehr, denn es hat keinen Sinn.
Ich bezahle. Hallelujah. Ich habe bezahlt. Stecke den Kassenzettel ein und meine Blicke schweifen am Tresen auf ein Buch in Gelb. Gelb, die Farbe der Aussenseiter und Huren. Hatten wir das nicht in Kunst und Kostümgeschichte gelernt. Dieser Gedanke war ein Ablenkungsmanöver, damit ich nicht auf den Titel schaue. Es funktionieeeerte aber niiiiiiiiicht. Ich lese den Titel. „Sprache als Ausdruck des Geistes“…aber das interessiert mich jetzt wirklich…Ich nehme es mit…
Ach soooo… Tulpen: Die hole ich auch noch. Jetz bin ich aber wirklich depressiv und wütend auf mich. Sollte ich als Frau nicht Schuhe und Co. nach hause schleppen.
Ich schwöre, dass ich nie mehr schwören werde. Wer weiss, dass mit der Hölle und dem Himmel ist ja auch nicht so richtig geklärt.
estelle-sina 2007



